Kapitalismus und Patriarchat – zwei Teile eines Puzzles?

Unsere Gesellschaft hat im Laufe der Geschichte viele Fehlentwicklungen zugelassen. Die so entstandenen maroden Stellen werden in Krisenzeiten besonders deutlich. Zwei Fehlentwicklungen befördernde Strukturen sollen in den folgenden Zeilen näher beschrieben werden: Kapitalismus und Patriarchat; oder eigentlich ein Strukturen-System: patriarchaler Kapitalismus.

Definitionen und Dimensionen

Besonders wichtig im Kontext dieses Beitrags ist Marx‘ Definition des Kapitalismus, da er besonders die ausbeuterische Funktionsweise des Kapitalismus hervorhebt. Seine Definition von Arbeit, zentrales wertschöpfendes Element im kapitalistischen System nach Marx, findet sich oft heiß diskutiert in feministischen Analysen wieder. Arbeit bedeutet für Marx nämlich ausschließlich Lohnarbeit, was für viele Feministen_innen einen großen Kritikpunkt darstellt.

Unbezahlte Arbeit, wie beispielsweise Hausarbeit, Kinderbetreuung und emotionale Arbeit, und deren zentrale Wichtigkeit für die Funktion des kapitalistischen Systems wird bei Marx ausgeklammert (Federici, 2015). Trotzdem – oder genau deswegen – eignet sich Marx‘ Definition des Kapitalismus besonders gut für diese Diskussion. Denn durch die Auslassung der doppelten Ausbeutung durch Lohn- und unbezahlte Arbeit, der Frauen in einem patriarchalen Kapita-lismus wie unserem gegenüberstehen, unterstreicht Marx ironischerweise dessen versteckte Systematik und reproduziert dabei die patriarchalen Strukturen.

Eine besonders prägnante Definition des Patriachats formuliert Hartmann, sie sieht das Patriachat als ein „set of social relations between men, which […] establish or create interde-pendence and solidarity among men that enable them to dominate women“ (1978, p. 11).

Also eine systematische Dominanz von Männern über Frauen, nicht nur ideologisch und in der Theorie, sondern mit Auswirkungen auf die soziale Realität aller Menschen. Diese Machtstruktur lässt sich an verschiedenen Umständen festmachen. Ob man sich mehr auf die ökonomische Seite konzentriert und beispielsweise den Gender Pay Gap heranzieht, oder ob man den sozialen Aspekt in den Mittelpunkt rückt, dessen patriarchale Strukturen sich beispielsweise an der Leaky Pipeline (je höher die Qualifikationsebene desto geringer der Frauenanteil) festmachen ließe – die Existenz des Patriarchats lässt sich jedenfalls nicht (glaubhaft) leugnen.

Gemeinsamkeiten und Zusammenspiel

Dass sowohl die Existenz des Patriachats als auch die des Kapitalismus unbestreitbar sind, ist also klar. Auch dass sowohl das Patriarchat als auch der Kapitalismus gesellschaftliche Problematiken hervorbringen, sollte ebenfalls klar sein. Wer die Existenz von Fehlentwicklungen der kapitalistischen Ökonomie verneint, der ist angehalten sich mit besonders pervertierten Auswüchsen des Kapitalismus zu beschäftigen; beispielsweise der Spannweite von Ungleichheit, Massentourismus, Müllbergen oder Kriegen.

Warum aber müssen Kapitalismus und Patriachat immer gemeinsam diskutiert werden? Was macht diese beiden Strukturen so untrennbar? Immerhin könnte argumentiert werden, dass der Kapitalismus als ökonomische und das Patriarchat als soziologische Größe zwei vonei-nander abzugrenzende Ebenen sind.

Bei genauerer Betrachtung erkennt man, dass sowohl der Kapitalismus als auch das Patriachat mit einer Reihe von gemeinsamen gesellschaftlichen Regeln und Normen einhergehen, die durch Sozialisation weitergegeben werden und von der Bevölkerung stark internalisiert worden sind. Manche Strukturen sind offensichtlicher als andere, während wieder andere zum alleinigen Erkennen intensiver akademischer Reflexionsarbeit bedürfen.

Zur Illustration eignet es sich in einem ersten Schritt, die Gemeinsamkeiten der beiden Größen hervorzuheben, denn obwohl sie zwar auf zwei verschiedene Ebenen Einfluss nehmen, haben sie einige Wirkungsmechanismen gemeinsam. Beide Strukturen zeichnen sich durch eine stark hierarchische Organisationsform aus. Sie fordern von den Individuen ein Sich Anpassen und Unterordnen. Im Kapitalismus muss sich, marxistischen Argumentationslinien folgend, die Arbeiterklasse der kapitalistischen Klasse unterordnen. Max Weber, der Vater der deutschen Soziologie, hat auch davon gesprochen, dass sich die Menschen im Allgemeinen dem starren gesellschaftlichen Gerüst, das der Kapitalismus geschaffen hat, unterordnen müssen (nach Müller, 2017). Im Zeitalter eines globalen Kapitalismus, der Leistungsdruck, Individualisierung und Massenkonsum großschreibt, hat diese Auffassung sogar noch mehr an Zentralität und Gewichtigkeit gewonnen. Das Patriachat fordert bekannterweise die Unterordnung der Frau. Wenn aus dem strengen Rahmen, den diese zwei Strukturansammlungen vorgeben, dennoch ausgebrochen wird, gibt es Sanktionen, wie beispielsweise Marginalisierung oder Gewalt.

Gewalt als zentrales Element und Festigungsinstrument ist eine weitere Gemeinsamkeit von kapitalistischen und patriarchalen Strukturen. Die dem Kapitalismus inhärente Gewalt kann man sowohl historisch als auch aktuell an verschiedenen Gesichtspunkten global festmachen und kann keinesfalls als Zufall betrachtet werden. Patriarchale Gewaltstrukturen können unter anderem an den konstant hohen Zahlen von männlichen Gewalttaten gegenüber Frauen herausgelesen werden. Speziell gegen Frauen gerichtete Gewalt und Unterdrückung wird weltweit oft durch Religion und Tradition oder durch den Ausnahmezustand, den Krise, Kampf und Krieg hervorrufen, gerechtfertigt und verschleiert die dahinterliegenden patriarchalen Strukturen (Nuscheler, 2004).

In einem zweiten Schritt können dann in verschiedenen Momenten der Geschichte Entwick-lungen aufgedeckt werden, die das Zusammenspiel und die Verstrickungen der beiden Macht-strukturen eindeutig aufzeigen.

Die Hausfrauisierung ist ein beliebtes Beispiel; eine Antwort des patriarchalen Kapitalismus auf die endlose Überarbeitung der Arbeiterschaft, die zu Beginn der Industrialisierung noch aus Frauen, Männern und Kindern bestand. Wie aber sollte sich eine Arbeiterschaft selbst reproduzieren, deren Lebenserwartung durch die Überarbeitung auf nur mehr 20 Jahre gesunken ist? Sogenannte „protective laws“ waren die Antwort. Durch sie wurden Frauen von typisch „männlichen“ Berufen ausgeschlossen und zurück in die Hausarbeit und die Unsichtbarkeit der Nichtbezahlung gedrängt. Sogenannte „family wages“ wurden eingeführt: Gehälter, die hoch genug waren, um eine Familie zu ernähren, ausbezahlt an den männlichen Arbeiter. Die Dienstleistungen, die Frauen zu Hause ohne Entlohnung leisteten, wurden Teil des Lebensstandards eines verheirateten Mannes der Arbeiterklasse (Hartmann, 1978). Das war neben der Stärkung der ausbeuterischen Form des Kapitalismus auch eine besonders nachhaltige Kräftigung der patriarchalen Strukturen, denn Frauen war nun finanziell von ihren Männern abhängig. So wurde auch ihre politische Entmachtung gefördert, denn in einer kapitalistischen Gesellschaft bedeutet ökonomische Macht auch immer erhöhte Mitbestimmung.

Was bedeutet das für die wirtschaftspolitische Diskussion?

Eine Frage, in deren Antwort sich nicht alle feministischen Ökonomen_innen einig sind, ist, ob innerhalb eines kapitalistischen Systems Gleichstellung erreicht werden kann oder, ob die patriarchale Struktur dem Kapitalismus inhärent ist. Dass Kapitalakkumulation auf Ausbeutung beruht, ist ohne Zweifel. Muss feministische Kritik also auch kapitalismuskritisch sein, nicht nur versuchen die „letzte Kolonie“ ( Bennholdt- Thomsen & Mies, 2008) der (weißen bürgerlichen) Frau zu befreien, sondern das System so umzubauen, dass Ausbeutung nicht mehr die Basis der Wertschöpfung ist?

Literaturverzeichnis

Bennholdt-Thomsen, V., Mies, M., 2008. Eine Kuh für Hillary: Die Subsistenzperspektive (1997), in: Klassiker der Entwicklungstheorie: von Modernisierung bis Post- Development, Gesellschaft – Entwicklung – Politik. Mandelbaum-Verl., Wien.

Federici, S., 2015. Aufstand aus der Küche: Reproduktionsarbeit im globalen Kapitalismus und die unvollendete feministische Revolution, 2., unveränd. Aufl. ed, Kitchen politics. edition assemblage, Münster.

Hartmann, H., 1978. The Unhappy Marriage Of Marxism And Feminism: Towards A More Progressive Union. Review.

Müller, H.-P., 2017. Max Webers Sozialökonomik – 3. Wirtschaft und Religion: Die ‘Protestantismus-These,’ in: Brunner, F. (Ed.), Schlüsselwerke Der Wirtschaftssoziologie. Springer VS, Wiesbaden, pp. 109–118.

Nuscheler, F., 2004. Lern- und Arbeitsbuch Entwicklungspolitik: [eine grundlegende Einführung in die zentralen entwicklungspolitischen Themenfelder Globalisierung, Staatsversagen, Hunger, Bevölkerung, Wirtschaft und Umwelt], 5., völlig neu bearb. Aufl. ed. Dietz, Bonn.

Zoë Großbötzl ist Teilnehmerin des 12. Jahrgangs der Wirtschaftspolitischen Akademie.

Die Wirtschaftspolitische Akademie organisiert den Gedankenaustausch kritischer, wirtschaftspolitisch interessierter Studierender rund um die soziale Verantwortung wirtschaftlichen Handelns.